Willy Brandt über Konrad Adenauer

Konrad Adenauer oder Willy Brandt? Vor diese Wahlentscheidung sah sich die deutsche Bevölkerung gleich zweimal gestellt. Zweimal? Ja, genau: Im ersten Duell zwischen Adenauer und Brandt zur Bundestagswahl 1961 bekam es der amtierende Bundeskanzler mit einem jungen, aufstrebenden Kanzlerkandidaten zu tun. 4,4 % Stimmenzuwachs war für die SPD am Ende zu wenig, brachte CDU und CSU aber um ihre absolute Mehrheit. Im Wahlkampf musste sich der Herausforderer einer zermürbenden Kampagne rechtskonservativer Kreise erwehren. Diffamierungen gegen seine Jahre im Exil und seine uneheliche Herkunft prasselten kübelweise auf ihn ein, bis hin zum berüchtigten verbalen Tiefschlag des Kanzlers – „Herr Brandt alias Frahm“ – am Tag nach dem Bau der Berliner Mauer. Allen Zumutungen zum Trotz wahrte Brandt gegenüber Adenauer die Form und nannte ihr persönliches Verhältnis rückblickend „nicht schlecht“; der frühere und der jetzige Bürgermeister hatten mehr gemeinsam als gedacht.

Als Willy Brandt im Juni 1975 gebeten wurde, an einer Festschrift zum 100. Geburtstag Konrad Adenauers anno 1976 mitzuwirken, wollte er sich dem nicht entziehen. Zufälligerweise arbeitete er gerade mit Klaus Harpprecht an seinem Buch Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960–1975; soeben hatte er ein Kapitel zum Ende der Ära Adenauer verfasst und den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt. Für die Festschrift entstand ein neuer Text, der Adenauers außenpolitische Verdienste hervorhob und betonte, dass die Westintegration, die deutsch-französische Aussöhnung und die europäische Einigung seit 1966/69 durch die sozialdemokratische Außen- und Ostpolitik fortgeführt und weiterentwickelt worden waren. Brandt zollte Adenauer Respekt dafür, wie er als Bundeskanzler und Vorsitzender der neuen Volkspartei CDU nach dem Zusammenbruch für Stabilität gesorgt hatte, auch wenn in seinem „schützenden Schatten“ eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, mit Tätern und Mitläufern vertagt wurde. Die Archivalien zum Festschriftbeitrag zeigen, wie sorgsam er Inhalt und Tonfall abwog, um ein faires Porträt zu zeichnen, das Zwischentöne und Widerspruch zuließ, stets sachlich, aber deutlich. Bei heutiger Lektüre drängt sich die Frage auf, wie Brandts kritische Würdigung ausgefallen wäre, hätte er gewusst, dass der SPD-Parteivorstand ab 1953 jahrelang vom Bundesnachrichtendienst ausspioniert worden war und dass Bundeskanzler Adenauer davon direkt profitierte.

Diese Entdeckung lag 1975 in weiter Ferne, wie auch die zweite zwischen Adenauer und Brandt erzwungene Wahl. Im November 2003 rief das ZDF in der Showreihe Unsere Besten zur Kür des „größten Deutschen“. Bei der Vorauswahl waren Brandt und Adenauer in die Top Ten gelangt. In der Episode vom 18. November mussten beide Politiker im Duell gegeneinander antreten, ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp und WDR-Journalist Friedrich Nowottny sekundierten. Adenauer gewann mit 61 zu 39 Prozent und bei der „Entscheidung“ zwischen allen zehn Finalisten am 28. November verhalfen 778.984 Anrufe Konrad Adenauer zum Sieg. Willy Brandt landete hinter Luther, Marx und den Geschwistern Scholl im Mittelfeld – vor Bach, Goethe, Gutenberg, Bismarck und Einstein. Diese absurde Wahl ist in Vergessenheit geraten, doch das Echo von Adenauers und Brandts erstem Duell hallt noch lange nach, vor allem in ihren originalen Dokumenten, die im Archiv für Christlich-Demokratische Politik, im Archiv der sozialen Demokratie, im Bundesarchiv und in weiteren Archiven verwahrt werden.

Sven Haarmann

Transkription der Manuskriptseite: 6 | der allgemeinen Erschütterung wies er auf Werte, die gültig geblieben waren – oder schienen. | Freilich darf nicht übersehen werden, dass Konrad Adenauer es manchen seiner Zeitgenossen zu einfach machte, den tiefen Schock der Niederlage und der Konfrontation mit der eigenen Verantwortung zu überwinden. Auch nahm man ihm gern eine gewisse Raffinesse ab, um damit eigene Verschlagenheit rechtfertigen zu können. In seinem schützenden Schatten haben sich viele einer geistigen und moralischen Auseinandersetzung mit individueller Schuld und kollektiver Verantwortlichkeit entzogen. | 6a

Willy Brandt: Konrad Adenauer – Ein schwieriges Erbe für die deutsche Politik (Beitrag zur Festschrift Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. Beiträge von Weg- und Zeitgenossen, 1976), Manuskript von September 1975, S. 6. Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, A 3, 1222, p. 210.

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