Wahlkampfbesuch in Stuttgart

„Diesem katholischen Hund wollen wir es zeigen“ – Konflikte um einen Wahlkampfbesuch Adenauers in Stuttgart am 4. November 1950

Vor 150 Jahren wurde Konrad Adenauer (1876-1967) geboren. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, auf die besondere Beziehung der Stadt Stuttgart zum ersten Kanzler der Bundesrepublik zurückzuschauen. Adenauer hat Stuttgart zahlreiche offizielle und inoffizielle Besuche abgestattet. Bei einem seiner frühen Besuche als Bundeskanzler und CDU-Wahlkämpfer kam es zu Zwischenfällen, die sein Verhältnis zur Stadt belasteten. Was war geschehen?

Wahlkampfauftritt in Stuttgart

Am Samstag, den 4. November 1950, veranstaltete die CDU Nordwürttembergs anlässlich der bevorstehenden Landtagswahlen in Württemberg-Baden, die am 19. November stattfinden sollten, zwei Kundgebungen – eine in Bad Boll, am nördlichen Rand der Schwäbischen Alb bei Göppingen, und eine in der Landeshauptstadt Stuttgart. Hauptredner bei beiden Veranstaltungen war Konrad Adenauer, seit gut eineinhalb Jahren Bundeskanzler der jungen Republik und erst seit wenigen Wochen Bundesvorsitzender der CDU. Während die Wahlkampfveranstaltung in Bad Boll ohne Zwischenfälle verlief, kam es in Stuttgart zu Störungen durch – wie es in der lokalen Presse hieß – „Zwischenrufe und Tumulte“ (Stuttgarter Nachrichten, 6.11.1950). Adenauer war sogar gezwungen, seine Rede kurz zu unterbrechen, bis die Ruhestörer aus dem Saal entfernt worden waren.

Im überfüllten „Althoff-Bau“

Die Veranstaltung fand im „Althoff-Bau“ statt, einem Provisorium, das auf dem Gelände der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadthalle in der Neckarstraße im Stuttgarter Osten stand. Im mit zweieinhalbtausend Menschen überfüllten Saal stellten sich zunächst die örtlichen Kandidaten vor. Dann kam der Bundeskanzler und hielt eine gut eine Stunde dauernde Wahlkampfrede. Adenauer betonte die Aufbauarbeit in der Bundesrepublik, verwies auf die großen außenpolitischen Erfolge seiner jungen Kanzlerschaft und kam dann auf die Frage einer allgemeinen Wehrpflicht zu sprechen. Gerade dieser Punkt traf auf den offenen und in Form von Zwischenrufen lautstark vorgetragenen Widerspruch einzelner Besucher der Veranstaltung. Adenauer wiederum bezeichnete die Störer als „kommunistische fünfte Kolonne“, was zu weiteren Protesten führte. In den Stuttgarter Nachrichten heißt es:

„Zu einem Tumult kam es, als Dr. Adenauer erklärte, daß überall in der Welt, wo Sowjetrußland in der Nähe sei, ein Brand entstehe. Die Versammlung wurde unterbrochen und auf Anordnung eines Polizeioffiziers wurden rund ein Dutzend Ruhestörer schnell aus dem Saal entfernt. Als Dr. Adenauer wieder das Wort ergriff, sagte er, die Szenen dieses Abends erinnerten in lebhaft an die Zeit vor 1933, wo auch eine kleine Gesellschaft die anständigen Leute terrorisiert habe. Er sei erstaunt, daß die Polizei nicht schon lange durchgegriffen habe. Er werde sich deshalb mit der württembergisch-badischen Regierung ins Benehmen setzen. Es sei unerhört, daß der Bundeskanzler von einer Anzahl von Lausbuben gestört werde. ‚Mit dem Pack muß Schluß gemacht werden.‘ Von der Polizei müsse er verlangen, daß sie Ordnung mache, dafür sei sie da.“ (Stuttgarter Nachrichten, 6.11.1950)

„Untätige“ Polizisten

Adenauer hatte dabei nicht bedacht, dass die Polizei in dieser Zeit noch keine Landes-, sondern eine kommunale Behörde war. Er schrieb deswegen wenige Tage später, am 11. November 1950, einen Brandbrief an den Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett – nicht nur aus heutiger Sicht ein ungewöhnlicher Akt der Beschwerdeführung. Aus Sicht des Bundeskanzlers habe die Stuttgarter Polizei „ihre Pflichten gröblich vernachlässigt“ (Stadtarchiv Stuttgart, 14/1 207, Adenauer an Klett, 11.11.1950). Ausführlich legte Adenauer seine Sicht der Dinge dar: Die Störungen durch „junge Burschen und Mädchen“ hätten schon vor seiner Rede begonnen, die Stuttgarter Polizei sei untätig geblieben und habe nicht einmal die Personalien der Störer festgestellt. Man habe ihm berichtet, dass es auch vor dem Veranstaltungsort Zwischenfälle gegeben habe. Besonders empörte ihn folgender von den Störern aus dem Publikum gerufene Satz: „Diesem katholischen Hund wollen wir es zeigen!“ Obwohl sich Polizeibeamte in unmittelbarer Nähe befanden, hätten diese nicht eingegriffen. Es folgten längliche juristische Ausführungen des Kanzlers über die Dienstpflichten der Polizei bei öffentlichen Versammlungen. Der Brief schloss mit der Forderung: „Ich bitte, daß nunmehr auf Grund dieser Beschwerde die Verantwortlichen für die bedauerlichen Vorfälle während der Versammlung zur Rechenschaft gezogen werden, damit derartige Vorfälle in Zukunft vermieden werden.“

Die Antwort von OB Klett

Der promovierte Jurist Arnulf Klett sah sich durch die Anwürfe des Bundeskanzlers in besonderer Weise herausgefordert. Wie die zahlreichen Schriftwechsel in der Akte zeigen, holte er erst einmal Berichte der beteiligten Polizisten und des Polizeipräsidenten ein. Akribisch wurden die 95 anwesenden Polizeibeamten in einer Liste erfasst und darauf verwiesen, dass sehr wohl Personalien der Störer aufgenommen worden seien. Klett forderte auch das städtische Rechtsamt auf, in einer Stellungnahme zu klären, wie die Rechtslage eigentlich sei. Eines wurde bald deutlich: Oberbürgermeister Klett stellte sich heldenhaft vor seine Leute. Im Schreiben an Adenauer heißt es gleich zu Beginn, dass keine Rede davon sein könne, dass „die städtische Polizei oder ich selbst Ihrer Anwesenheit in Stuttgart und Ihrem Auftreten als Wahlredner nicht die richtige Bedeutung beigemessen“ hätten. (Stadtarchiv Stuttgart, 14/1 207, Klett an Adenauer 17.11.1950). Klett sah keinerlei Pflichtverletzungen der anwesenden Polizeibeamten. Und im Übrigen sei aufgrund der Überfüllung des Veranstaltungssaals aus deren Sicht eine von Adenauer geforderte Räumung schon aus praktischen Gründen völlig unmöglich gewesen.

Zuschriften aus der Bevölkerung

In der Akte finden sich neben zwei Büschel Zeitungsausschnitten der „auswärtigen“ und der lokalen Presse eine Reihe von Zuschriften an den OB aus der Bevölkerung. Darin war durchgehend von ungerechtfertigten Vorwürfen des Bundeskanzlers die Rede. In einer anonymen Zuschrift wurde Klett gedankt, dass er „als Mann hingestanden“ habe. In einer anderen, von einem Stuttgarter Metzgermeister gezeichneten Zuschrift, hieß es in eigenwilligem Satzbau:

„Daß Adenauer in Stuttgart unbeliebt ist, ist nichts Neues und er möchte Stuttgart in Ruhe lassen, am besten, wenn er nicht mehr kommt, dies ist meine Ansicht als parteilos und mit mir sicher viele andere. Wir wünschen keinen Krieg und Militarismus, lieber mehr friedliche Herren Klett, so ging es in Stuttgart am besten ab ohne Blut.“ (Stadtarchiv Stuttgart, 14/1 207)

Trotz dieser Auseinandersetzung bei seinem Besuch 1950 scheint das Verhältnis zwischen Adenauer und Klett nicht wirklich gelitten zu haben. Es sind zahlreiche Glückwunschschreiben von Klett an Adenauer zu dessen Geburtstagen erhalten, für die der Kanzler sich immer artig bedankte. Adenauer hat Stuttgart in den folgenden Jahren regelmäßig und immer wieder besucht – sei es zum Bundesparteitag der CDU in Stuttgart 1956, oder 1957 zu einer Wahlkampfkundgebung der CDU auf dem Killesberg. So konfliktreich wie die Wahlkampfreise nach Stuttgart im November 1950 war allerdings keiner der späteren Besuche.

 

Günter Riederer

 

Stadtarchiv Stuttgart 17/1, 207

Stadtarchiv Stuttgart
Bellingweg 21
70372 Stuttgart
Stadtarchiv | Landeshauptstadt Stuttgart