In diesem Monat jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland prägte er die politische Ausrichtung des jungen Staates entscheidend. Weniger bekannt, aber nicht minder bedeutend, sind seine Besuche in kleineren Städten – so auch in Werl. Ein herausragendes Ereignis war Adenauers Teilnahme an der großen Schlesierwallfahrt am 28. Juni 1953, die als größte Nachkriegswallfahrt in die Wallfahrtsstadt eingehen sollte.
Rund 70.000 schlesische Vertriebene strömten an diesem Sommertag nach Werl, um gemeinsam zu beten, ihre verlorene Heimat zu beklagen und Hoffnung zu schöpfen. Seit 1661 pilgern Gläubige zum Gnadenbild der Muttergottes, doch eine Versammlung dieses Ausmaßes hatte die Stadt zuvor nicht erlebt. Auf der Versammlungsfläche Gänsevöhde zelebrierte der Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings eine feierliche Messe. Unter den Zuhörern befand sich auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Karl Arnold – ein Zeichen für die hohe politische und gesellschaftliche Bedeutung der Wallfahrt.
Höhepunkt des Tages war die Ansprache von Bundeskanzler Konrad Adenauer. In bewegten Worten sprach er den Vertriebenen Mut zu und bekannte sich unmissverständlich zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands. Nicht militärische Auseinandersetzungen, sondern Freiheit, Geduld und innerer Zusammenhalt sollten nach seiner Überzeugung den Weg zur Einheit ebnen. Adenauer zeigte sich überzeugt, dass dieser Tag kommen werde – früher, als viele es damals für möglich hielten. Seine Worte standen noch ganz unter dem Eindruck des Volksaufstandes in der DDR, der nur elf Tage zuvor durch sowjetische Truppen gewaltsam niedergeschlagen worden war. Umso eindringlicher wirkten seine Mahnungen zu Frieden und Freiheit.
Neben der politischen Dimension offenbarte der Besuch Adenauers in Werl jedoch auch eine sehr persönliche Seite des Kanzlers. Der damals 77-Jährige galt zwar als erfahren, aber auch als eigenwillig – und genau das zeigte sich an diesem Tag besonders deutlich. Der offizielle Zeitplan sah nach der Glaubenskundgebung und der Kanzlerrede einen festlichen Empfang der Ehrengäste durch den Rat der Stadt Werl im Kurgarten-Restaurant vor. Doch dieser Programmpunkt nahm eine unerwartete Wendung.
Nur wenige Minuten nach seiner Ankunft verließ Adenauer den Empfang wieder. Was folgte, war weder angekündigt noch vorbereitet: Der Bundeskanzler machte sich auf den Weg zum „Allied National Prison“, der heutigen Justizvollzugsanstalt Werl, um dort inhaftierte ehemalige deutsche Wehrmachtsgenerale zu besuchen (u.a. Gallenkamp, Kesselring, v. Mackensen, v. Manstein, Panzer-Meyer). Diese spontane Entscheidung sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit und wurde von Presse und Öffentlichkeit mit überraschend positiver Resonanz aufgenommen. Sie zeigte einen Kanzler, der sich nicht ausschließlich an Protokolle hielt, sondern menschliche Gesten setzte – auch dort, wo sie politisch sensibel waren.
Der Besuch Adenauers im Jahr 1953 ist bis heute ein bedeutendes Kapitel der Werler Stadtgeschichte. Er verbindet Glauben, Politik und persönliche Haltung in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche – und macht deutlich, warum Konrad Adenauer auch 150 Jahre nach seiner Geburt nichts von seiner historischen Bedeutung verloren hat.
Michael Jolk, Stadtarchivar