„Aufnahme von mir“ steht im Fotoalbum neben einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die Konrad Adenauer zeigt: Hier schwingt ein gewisser Stolz mit, dass es dem – leider unbekannten – Hobbyfotografen gelungen ist, den amtierenden Bundeskanzler aus nächster Nähe abzulichten. Entstanden ist das Bild am 26. Juli 1953 beim Schlesiertreffen in Köln.
Es war das vierte Bundestreffen der Schlesier und es fand bereits zum zweiten Mal in Köln statt. Zum ersten im Oktober 1950 hatte der Bundeskanzler nur ein Grußwort geschickt, in dem er jedoch den rund ein halbes Jahr zuvor erfolgten Zusammenschluss zur Landsmannschaft Schlesien für das Bundesgebiet Deutschland und Berlin ausdrücklich begrüßte und „den Veranstaltungen der Schlesischen Heimatwoche 1950 in Köln [...] einen erfolgreichen Verlauf“[1] wünschte.
Dieses Mal waren rund 400.000 Schlesier nach Köln gekommen und damit mehr als doppelt so viele wie drei Jahre zuvor. Viele von ihnen hielten sich bereits seit zwei Tagen in der Domstadt auf. Sie waren aus allen Teilen der Bundesrepublik – teilweise mit Sonderzügen – angereist, um Freunde und Nachbarn aus ihren früheren Wohnorten wiederzusehen, um Erinnerungen zu teilen und Erfahrungen auszutauschen, aber auch um ein Zeichen zu setzen und ihre Sehnsucht nach einer Rückkehr in die „alte Heimat“ zu manifestieren.
Zur Großkundgebung an jenem Sonntag, den 26. Juli, hatten sich mehr als 200.000 Menschen auf dem Messegelände in Köln-Deutz eingefunden. Unter dem über der Tribüne aufgespannten Banner mit der Aufschrift „Schlesien deutsch und ungeteilt“ begrüßte der amtierende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien Karl Haussdorff als Ehrengäste den gebürtigen Liegnitzer Paul Löbe sowie Konrad Adenauer. Letzterer befand sich im Juli 1953 mitten im Wahlkampf zur Bundestagswahl.
In seiner Rede, die Der Schlesier trotz ihrer Kürze als „zu Herzen gehend“[2] beschrieb, verlieh Adenauer seiner Bewunderung für die Heimatverbundenheit der Schlesier mit den Worten Ausdruck: „Meine lieben Freunde, der Anblick ist erschütternd, er ist erhebend und er ist tröstend. Er erschüttert mich, weil ich weiß, daß hinter alledem, was so imponierend jetzt vor uns steht, im Grunde ein tiefes Herzeleid steht. Die Trauer um vergangene Zeiten, die Trauer um die verlorene Heimat. Aber der Anblick ist auch erhebend und tröstend, weil er zeigt, wie stark Ihr Schlesier an Eurer deutschen Heimat hängt.“[3] Außerdem nährte er die Hoffnung der Vertriebenen auf eine Rückkehr, indem er äußerte, dass er „tief davon überzeugt“ sei, „dass Recht letzten Endes doch Recht bleiben wird.“ Und führte weiter aus: „Und ich bin im tiefsten Herzen davon überzeugt, daß, wenn Ihr Eure schlesische Heimat, Euer deutsches Schlesien nicht aufgebt, Ihr eines Tages in die Heimat zurückkehren werdet. [...] Ich bin, ich wiederhole es nochmals zutiefst davon überzeugt, dass im Laufe der gesamten europäischen Entwicklung auch für Euch, meine lieben Freunde, der Tag der Rückkehr in die Heimat kommen wird.“[4]
Wie sehr Adenauer der landsmannschaftliche Zusammenhalt der Schlesier beeindruckt hatte, wird auch in seinem Grußwort zum fünften Bundestreffen 1954 deutlich, in dem er sich an seine Teilnahme in Köln zurückerinnert: „Mein Zusammensein mit Ihnen auf dem Schlesier-Treffen in Köln und auf der Schlesier-Wallfahrt in Werl war für mich eine besonders denkwürdige Begegnung. Hier zeigt sich die schlesische Lebensart, die echte Heimatverbundenheit, die Anhänglichkeit und Treue zu den übrigen Angehörigen jenseits des Eisernen Vorhangs und jenseits von Oder und Neiße [...] Ich begrüße es und halte es im gesamtdeutschen Interesse für bedeutungsvoll, dass die Schlesier sich immer wieder treffen“.[5] Und seine persönliche Teilnahme 1953 blieb auch nicht einmalig: In den Jahren 1959, 1961 und 1963 stand Adenauer ebenfalls auf der Rednerliste der sonntäglichen Großkundgebung.
Silke Findeisen
[1] Entnommen aus: Breslauer Nachrichten. Die Zeitung für alle Schlesier. 2. Jg. 1950, Nr.28, S. [3].
[2] Der Schlesier. Breslauer Nachrichten. Heimatzeitung für alle Nieder- und Oberschlesier Offizielles Organ der Landsmannschaft Schlesien für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und Berlin. 5. Jg. 1953, Nr. 30, S. 1.
[3] Entnommen aus: ebd., S. 1.
[4] Entnommen aus: ebd., S. 1.
[5] Entnommen aus: Der Schlesier. Breslauer Nachrichten. Heimatzeitung für alle Nieder- und Oberschlesier Offizielles Organ der Landsmannschaft Schlesien für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und Berlin. 6. Jg. 1954, Nr. 27-28, S. 1.