Hedwig Dransfeld gehört zu den bedeutenden, heute jedoch oft übersehenen Persönlichkeiten der deutschen Frauen- und Sozialbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Über Jahrzehnte war sie eng mit Werl verbunden, wo sie lebte, wirkte und 1925 verstarb. Ihr politisches und gesellschaftliches Engagement reichte jedoch weit über die Stadtgrenzen hinaus – bis in den Deutschen Reichstag, die Weimarer Nationalversammlung und sogar über den Atlantik in die Vereinigten Staaten von Amerika.
Geboren 1871, engagierte sich Dransfeld früh in der katholischen Frauenbewegung. Sie setzte sich für bessere Bildungs- und Berufschancen von Frauen ein, für soziale Absicherung und für eine stärkere politische Teilhabe. Als Mitglied der Zentrumspartei gehörte sie zu den Frauen, die nach Einführung des Frauenwahlrechts 1919 politische Verantwortung auf nationaler Ebene übernahmen. In der Weimarer Nationalversammlung und später im Deutschen Reichstag vertrat sie ihre Überzeugung, dass Demokratie ohne die aktive Mitwirkung von Frauen nicht denkbar sei.
Werl wurde für Hedwig Dransfeld über viele Jahre hinweg Lebensmittelpunkt und Rückzugsort. Von hier aus pflegte sie ihre politischen und publizistischen Netzwerke und blieb zugleich fest im lokalen Vereins- und Gemeindeleben verwurzelt. Ihr Tod im Jahr 1925 bedeutete für die Stadt den Verlust einer überregional bedeutenden Persönlichkeit, deren Wirken erst in jüngerer Zeit wieder stärker in den Blick genommen wird.
Ein besonders aufschlussreiches Kapitel ihres Lebens ist ihre Reise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1923. Gemeinsam mit weiteren Persönlichkeiten reiste Dransfeld in einer politisch wie wirtschaftlich extrem schwierigen Zeit für Deutschland nach Nordamerika. Ziel war es, sich über soziale und gesellschaftliche Einrichtungen zu informieren, aber auch Verständnis für die Lage des Deutschen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg zu wecken.
Im Vorfeld dieser Reise wandte sich Hedwig Dransfeld, die kurzzeitig in Köln wohnte, an den damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer und bat ihn um ein Empfehlungsschreiben. Adenauer, der Dransfeld als profilierte Reichstagsabgeordnete und führende Vertreterin der deutschen Frauenbewegung kannte, kam dieser Bitte nach. Das Schreiben, datiert auf den 12. Januar 1923, befindet sich heute im Nachlass Dransfeld im Stadtarchiv Werl.
Adenauers Empfehlung unterstreicht nicht nur Dransfelds persönliche Integrität und politische Erfahrung, sondern zeigt auch, wie sehr ihr Wirken über Parteigrenzen und regionale Kontexte hinaus geschätzt wurde. Das Dokument verbindet zwei bedeutende Persönlichkeiten der deutschen Geschichte – und verweist zugleich auf Werl als einen wichtigen Ort politischer Erinnerung.
Empfehlungsschreiben Konrad Adenauers für Hedwig Dransfeld (1923, sinngemäß)
Der Kölner Oberbürgermeister bestätigt darin die politische Bedeutung Hedwig Dransfelds als Reichstagsabgeordnete und herausragende Vertreterin der deutschen Frauenbewegung. Er weist auf ihre Reise in die Vereinigten Staaten hin, die sowohl dem Studium sozialer Einrichtungen als auch der sachlichen Information über die innere Lage Deutschlands dienen solle. Behörden, Verbände und Institutionen werden eindringlich gebeten, Dransfeld Unterstützung und Schutz zu gewähren, damit sie ihre Aufgaben erfolgreich erfüllen könne.
Hedwig Dransfelds Lebensweg zeigt eindrucksvoll, wie eng lokale Geschichte und nationale Politik miteinander verwoben sein können. Ihr Wirken macht Werl zu einem wichtigen Erinnerungsort der deutschen Demokratie- und Frauengeschichte.
Michael Jolk, Stadtarchivar