„Große Ereignisse in Luxemburg“[1]
Das Foto zeigt Adenauer im Gespräch mit dem französischen Außenminister Robert Schuman (rechts) und seinem Luxemburger Amtskollegen und Gastgeber Joseph Bech (links). Anlass war die erste Sitzung der Außenminister der Montanunion nach Inkrafttreten des Schumanplans. Sie fand vom 8. bis zum 10. September 1952 in der Hauptstadt des Großherzogtums statt – der Geburtsstadt Schumans.
Von Bedeutung waren die Ereignisse dieser Tage in zweifacher Hinsicht. Nachdem einen Monat zuvor die Hohe Behörde unter ihrem Präsidenten Jean Monnet zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammengetreten war, tagte nun erstmals der Besondere Ministerrat - unter Vorsitz des Bundeskanzlers und Außenministers Konrad Adenauer. Damit hatte die neu gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) ihre Arbeit aufgenommen. Dass diese erste Sitzung in Luxemburg stattfand und damit einer endgültigen Entscheidung über den Sitz der zentralen Organe der EGKS vorgriff, war dem Geschick des Luxemburgers Bech zu verdanken. Adenauer schrieb dazu in seinen Erinnerungen, dass es noch Ende Juli 1952 „bei den Beratungen über den Sitz der Montanunion […] zu heftigen Kontroversen gekommen“ sei und der luxemburgische Außenminister Bech „als eine Auswegmöglichkeit [angeboten habe], ihn vorläufig nach Luxemburg zu verlegen.“[2] Angesichts der fortgeschrittenen Zeit – die Beratungen endeten morgens um 5 Uhr – habe man dem zugestimmt.
Weil man improvisieren musste, fand das erste Treffen der drei Außenminister und ihrer Kollegen aus den anderen Mitgliedstaaten Belgien, Italien und den Niederlanden in Räumlichkeiten der Chambre des Députés und des Stadthauses Luxemburgs statt, unweit der Schule, in der Schuman sein Abitur abgelegt hatte.
Für die junge Bundesrepublik und für Adenauer hatten diese Tage im September in Luxemburg aber noch eine ganz andere Bedeutung. Am frühen Morgen des 10. September wurde im kleinen Sitzungssaal des Stadthauses das sogenannte Wiedergutmachungsabkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik unterzeichnet, von dem die Luxemburger illustrierte Wochenzeitschrift „Revue“ in einer Bildreihe Ende des Monats berichtete. Nur wenige Fotografen waren zugelassen und die Gesichter der beiden Delegationen waren ernst. Die Presse erfuhr davon aus Sicherheitsgründen erst kurz vor der Unterzeichnung des Abkommens morgens um 8 Uhr. Dass es im Großherzogtum unterschrieben wurde und als „Luxemburger Abkommen“ in der Geschichte einging, erklärt sich daraus, dass eine Anreise der israelischen Delegation nach Deutschland wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs undenkbar war, ebenso wie ein Besuch des deutschen Kanzlers in Israel. Auch Zahlungen an den Staat Israel und an die Jewish Claims Conference (JCC) waren in beiden Ländern umstritten. So gab Adenauer erst beim Presseempfang nach der Abschlusssitzung des Ministerrats der EGKS bekannt, dass ein Treffen zwischen ihm und dem israelischen Außenminister Moshe Scharett, sowie Vertretern der JCC stattgefunden habe.
Guido Lessing
[1] Revue, 27.09.1952
[2] Konrad Adenauer, Erinnerungen 1945–1953, Stuttgart 1965, S. 437.