„Einst ein Gegner“

Helmut Schmidts Blick auf Konrad Adenauer

49 Jahre lebte Helmut Schmidt gemeinsam mit seiner Ehefrau Hannelore „Loki“ in ihrem Haus in Hamburg-Langenhorn. In seinem Arbeitszimmer im ersten Stock kann man auch heute noch, elf Jahre nach seinem Tod, sehen, was Schmidt bewegte und welche Themen ihn beschäftigten. Neben einer umfangreichen Bibliothek, deren Bücherregale die Wände des kleinen Raums bis zur Decke einnehmen, fällt hinter seinem Schreibtisch eine beleuchtete Vitrine auf. Den Schlüssel dazu hatte zu Lebzeiten nur Helmut Schmidt selbst, denn hier verwahrte er in unmittelbarer Nähe zu sich die Erinnerungsstücke, die für ihn von persönlicher Bedeutung waren. Im unteren Fach findet sich unter anderem ein Schachspiel, das er während seiner britischen Kriegsgefangenschaft in Belgien anfertigte. Darüber liegen unzählige Münzen. Auf einer ist das Porträt Konrad Adenauers zu sehen. Wie die Münze ihren Weg in die Vitrine gefunden hat, ließ sich bisher nicht rekonstruieren.

Zum Tode Konrad Adenauers schrieb Helmut Schmidt verschiedene Entwürfe für einen Nachruf, der unter anderem in der Welt am Sonntag mit dem Titel „Einst ein Gegner“, am 23. April 1967, veröffentlicht wurde. Die Dokumente liegen heute im Helmut Schmidt-Archiv, das sich neben dem ehemaligen Wohnhaus befindet. Schmidt schrieb, mit Konrad Adenauer sei „eine politische Persönlichkeit besonderen Ranges von uns gegangen“. Seine Verdienste um den Aufbau des demokratischen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland hielt Schmidt für unbestritten. Er machte aber auch keinen Hehl aus den inhaltlichen Differenzen „um den künftigen Kurs unseres Staates“ zwischen Sozial- und Christdemokraten, bei denen auch „manche Wunden geschlagen“ worden seien. Er habe Adenauer als „Meister der politischen Taktik“ erlebt, der zu „gefährlich anmutenden Vereinfachungen“, ja sogar zu „Bosheiten gegen uns Sozialdemokraten“[1], geneigt habe. Trotz aller politischer Differenzen hatte er auch persönlichen Zuspruch von Adenauer erlebt. So erinnerte sich Schmidt an seine erste außenpolitische Rede im Bundestag 1959, bei der der damalige Bundeskanzler Adenauer direkt vor dem Rednerpult Platz nahm, dem jungen SPD-Politiker eine Stunde lang aufmerksam zuhörte und sich Notizen machte.

Der über vier Jahrzehnte jüngere Schmidt hatte im Laufe seines Lebens Respekt vor Adenauers Leistung als entscheidungskräftigem Staatsmann entwickelt, grenzte sich aber inhaltlich klar von ihm ab. Schmidt beschäftige sich mit dem politischen Denken des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, besaß verschiedene Biografien über ihn und schloss seinen Nachruf mit den Worten: „Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor einem Mann, der für unser Volk Großes gewollt und Großes erreicht hat.“

Ann-Kristin Glöckner

 


[1] Schmidt, Helmut: Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, Berlin 31998, S. 500.

Helmut Schmidt-Archiv
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