Es war ein politischer Kraftakt, der am 23. Mai 1949 seinen vorläufigen Abschluss fand: 61 Männer und vier Frauen aus elf Landesparlamenten und sieben Parteien sowie fünf nicht stimmberechtigte Mitglieder aus Berlin hatten in über acht Monaten und weit über zweihundert Sitzungen den Text des Grundgesetzes erarbeitet und dabei die Vorgaben der drei Militärgouvernemente der Besatzungsmächte berücksichtigt. Als Erster unterzeichnete der Präsident des Parlamentarischen Rates, Konrad Adenauer, das Grundgesetz. Mit auf dem Tisch stand ein Tintenfass des Goldschmieds Alois Kreiten aus dem Kölner Ratssilber. Wie kam es dazu?
Die Sitzungen des Parlamentarischen Rats fanden in Bonn statt. Da kein Regierungsgebäude vorhanden war, wurde die Eröffnungsfeier im Museum König und die anschließenden Arbeitssitzungen in der provisorisch hergerichteten Pädagogischen Akademie der Universität abgehalten. Ganz im Zeichen der Nachkriegszeit war die im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtete Akademie einerseits eher pragmatisch als repräsentativ gewählt und bot gleichzeitig einen symbolischen Anknüpfungspunkt zum von den Nazis verbotenen Bauhaus.
Das historistische Tintenfass setzte zum pragmatisch-modernen Setting der Unterzeichnung einen ästhetischen Kontrapunkt. Kreiten, der auch liturgische Gegenstände für zahlreiche rheinische Kirchen hergestellt hatte, inszenierte in seiner Tischplastik zwei dem gotischen Tympanon der Kölner Rathauskapelle nachempfundene Engel, die ein Gefäß aus chinesischem Bergkristall halten. Den Deckel des Gefäßes schmückt ein Helm mit Pfauenfederbusch und Kölner Wappen, wie ihn der Kölner Bauer im Karneval trägt.
Eine praktische Rolle spielte das Tintenfass bei der Unterschrift am 23. Mai 1949 jedoch nicht, denn für die Unterschriften lagen 13 Füllfederhalter der Bonner Firma Soennecken bereit. Adenauer benutzte allerdings seinen eigenen Stift und tauchte diesen vor der Unterschrift demonstrativ in das Tintenfass. Nur befand sich darin keine Tinte. Sehr wohl sorgte das Tintenfass beim eher unpathetischen Gründungsakt der Bundesrepublik neben Blumenschmuck und zwei schwarz-rot-goldenen Fahnen für einen dekorativen Rahmen und verlieht den Unterschriften zusätzliche historische Bedeutung: Vier Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft verband das Tintenfass – bewusst oder unbewusst – den demokratischen Neubeginn mit einer älteren, nicht nationalsozialistisch geprägten Geschichte Deutschlands.
Adenauer dürfte das Fass aus seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister gekannt haben und konnte seiner Geburtsstadt Köln so wenigstens einen kleinen Seitenauftritt verschaffen, wie er es in der Zeit seiner Kanzlerschaft immer wieder tat. Der Kölner Bauer als Zeichen der Wehrhaftigkeit und die christliche Symbolik passten kurz nach dem Ende der Diktatur gut zu den hoffnungsvollen Erwartungen, die man mit der demokratischen Bundesrepublik verband.
Ähnlich provisorisch wie die Bonner Akademie als Tagungsgebäude war auch das Grundgesetz selbst. Es sollte einen vorläufigen Weststaat konstituieren und bei der Wiedervereinigung durch eine „richtige“ Verfassung ersetzt werden. Dazu kam es bei der Wiedervereinigung 1990 aber nicht, denn die Zeit war knapp und das Grundgesetz hatte sich als robuste Verfassung bewährt. So gilt es noch heute für alle Menschen im wiedervereinigten Deutschland und Köln darf stolz sein, damals ein wenig zur Geschichte der Bundesrepublik beigetragen zu haben.
Sascha Pries