Bekanntlich war Konrad Adenauer lange Jahre Oberbürgermeister Kölns. Als Düsseldorfer Stadtarchiv nun ein Archivale zu präsentieren, das auf das mitunter komplizierte Verhältnis dieser beiden Städte abzielt, mag nicht sonderlich kreativ daherkommen – ist in dem Fall aber zu verlockend. Geht es doch um nicht weniger als die Frage: Hat der Düsseldorfer Oberbürgermeister Robert Lehr die Domstadt 1929 als „national unzuverlässig“ angeschwärzt?
Die vorgestellten Dokumente entstammen dem Nachlass Robert Lehrs. Am 29.06.1929 wandte der Düsseldorfer sich an Adenauer mit einer dringenden Bitte um Klarstellung: Hat dieser das Gerücht in die Welt gesetzt, wonach Lehr „eine der katholischen Bevölkerung Düsseldorfs abträgliche Politik angekündigt hätte“? Sein Kölner Kollege antwortet umgehend: Ihm sei eine Erklärung Lehrs zugetragen worden, wonach dieser Düsseldorf „zu einem evangelischen Mittelpunkt“ ausbauen wolle – wider „das national unzuverlässige Köln“. Adenauer verlangt seinerseits Aufklärung, ob eine derartige Aussage tatsächlich gefallen sei. Lehr drückt daraufhin sein entschiedenes Bedauern aus, dass derart „unwahre[n] und bösartige[n] Gerüchte“ von Adenauer und anderen diskutiert würden. Sie seien wohl von einem Gegner Düsseldorfs in den gegenwärtigen Umgemeindungsverhandlungen verbreitet worden. In seinem Antwortschreiben weist Adenauer schließlich etwaige Vorwürfe von sich und wiederholt seine Frage, ob Lehr Köln als „national unzuverlässig oder ähnlich“ bezeichnet hätte. Allerdings sollte er darauf – zumindest schriftlich – keine Antwort mehr erhalten.
Lehr verwies in seinem letzten Schreiben auf den entscheidenden Kontext dieser Debatte: Die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes 1929. Die damit einhergehende Konkurrenz rheinisch-westfälischer Städte um Gebietserweiterungen führte zu einem ungehemmten Lobbyismus am preußischen Landtag, an dem das entsprechende Gesetz ausgearbeitet wurde – und an dem sich Lehr (vermeintlich) abfällig über Köln geäußert habe. Ein Umstand, der den ungehaltenen Tenor erklärt, mit dem sich die beiden Oberbürgermeister in diesem Schriftwechsel begegneten. Zumal beide die Konfrontation auch in den Jahren zuvor nicht gescheut hatten. Adenauer, dessen Ägide Kölns beachtliche Stadtentwicklung in den 1920er Jahren prägte, befand sich durch seine Position immer wieder in einem Spannungsverhältnis zu anderen (über-)regionalen Großstädten wie Düsseldorf, Essen oder Frankfurt. So konnte er sich etwa 1924 in einem erbitterten Konkurrenzkampf gegen ebenjenen Robert Lehr durchsetzen, als es um den künftigen Standort der „Westdeutsche Funkstunde A.G.“ ging, dem späteren WDR.
Gebrochen haben die beiden dennoch nie miteinander. 1950 befand sich Adenauer, mittlerweile Kanzler der jungen Bundesrepublik, auf der Suche nach einem neuen Bundesinnenminister und entschied sich: für Robert Lehr.
Laura Michelbrink
Sekundärliteratur:
Frielingsdorf, Volker: Auf den Spuren Konrad Adenauers durch Köln, Basel 2000.
Hoebink, Hein: Mehr Raum – mehr Macht. Preußische Kommunalpolitik und Raumplanung im rheinisch-westfälischen Industriegebiet 1900-1933, Essen 1990.
Sent, Eleonore: Dr. Robert Lehr 1883-1956. Findbuch zu seinem Nachlass im Stadtarchiv Düsseldorf, Düsseldorf 2006.
Weiß, Lothar: Robert Lehr, in: Portal Rheinische Geschichte, www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/robert-lehr/DE-2086/lido/57c93e7849f8d0.12525166 [23.01.2026].