Der Rechtsanwalt Dr. Gerd Bucerius (1906-1995) suchte 1946 als parteiloser Bausenator der zerstörten Hansestadt Hamburg eine neue politische Heimat: vor 1933 die DDP wählend, stand er erst der SPD nahe, aber durch die Rhetorik Kurt Schumachers und seinem Verständnis einer nationalen Sozialdemokratie abgeschreckt, fand Bucerius wenig später in Konrad Adenauer und der CDU seine politische Heimat. Adenauer war kein „nationaler Mann“ und deshalb traute Bucerius sich ihm an.
Im September 1949 in den ersten deutschen Bundestag gewählt, besuchte Bucerius im April 1950 mit einer Bundestags-Delegation von 15 Abgeordneten die USA. Auf Einladung des US-amerikanischen Hochkommissars für Deutschland wurde das State Departement in Washington beauftragt, eine Studienreise über fünf Wochen zu entwerfen, damit die Besucher aus Deutschland „die amerikanische Regierung, amerikanische Einrichtungen und das amerikanische Leben beobachten und studieren können.“ Darunter fielen Besuche beim Kongress, der Kongressbücherei, beim Gerichtshof, einer großen Zeitung (s. Foto Bucerius mit Arthur Sulzberger der New York Times), einer Universität mit Beobachtung der Staats- und Soziallehre, der Regierung eines Bundesstaates und einer Stadt sowie eine Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisation.
Da Bucerius ein passables Englisch sprach, hielt er eine Rede am 25. April vor dem US-Senat in Washington. Er dankte dabei im Namen Millionen Deutscher für die Hilfe des Marshall Plans. Bucerius schrieb rückblickend 1976 zu dieser Reise: „Vor allem die Sozialdemokraten waren verblüfft darüber, was ein kapitalistisches Land seinen Bürgern bieten konnte.“
Hatte Bucerius noch mehr mit seinen Briefen (insgesamt sind fünf überliefert) an den Bundeskanzler vor? „Ich kannte Adenauers nörgelnden Zweifel an Erhards liberaler (für Adenauer zu liberaler) Wirtschaftspolitik. Deshalb versuchte ich, ihm zu beschreiben, wie weit – so schien es uns damals – die USA es mit dieser Methode gebracht hatten.“
Die fünfziger Jahre prägten Gerd Bucerius als das politische Jahrzehnt seines Lebens: Er war CDU-Bundestagsabgeordneter, Bundesbeauftragter für die Förderung Berlins, Mitglied und Vorsitz verschiedener Ausschüsse. Anfangs schätzte Adenauer den dreißig Jahre jüngeren Kollegen als Verleger einer Wochenzeitung (DIE ZEIT) und einer auflagenstarken Illustrierten (Stern). Dadurch könnte auch die Regierungspolitik unter die Leser kommen. Wohlbemerkt: könnte. Ende des Jahrzehnts kam es zum Zerwürfnis mit Adenauer, als Bucerius im Wahlkampf 1961 offensiv publizistisch für Erhard stimmte. Kritische Artikel in der ZEIT, wie 1960 mit „Was ist mit den Nazis in Bonn?“ gegen Vertriebenenminister Theodor Oberländer und schließlich der Stern-Artikel von 1962 zum „Höllenfeuer“ brachten das Fass zum Überlaufen. Nach einem angeblich verletzten christlichen Empfinden aus Reihen der CDU bezweifelte der Bundesvorstand, ob der Verleger für Partei und Fraktion so noch tragbar war. Das reichte ihm: „Ich habe der CDU 15 Jahre harter und treuer Arbeit gewidmet. Weil ich Ihre Politik für richtig halte. Der Beschluss des Bundesvorstands ist ein mir unbegreiflicher und in der CDU nicht üblicher Fall von Intoleranz. Er zwingt mich, die CDU und den Bundestag zu verlassen. An meiner politischen Überzeugung wird sich nichts ändern.“
Bucerius verließ seinen Beruf als Politiker zugunsten des Verlegers. Im Alter von 55 Jahren hatte er 1962 genau die richtige Entscheidung getroffen, um in den sechziger Jahren im deutschen Pressemarkt an vorderer Stelle mitzuspielen. 1965 begründete er Gruner + Jahr als zweitgrößten Verlag nach Axel Springer. Er wurde schließlich ein unternehmerischer, sehr erfolgreicher Verleger. 1971 gründete er die ZEIT-Stiftung.
Konrad Adenauer nannte er 1981 als den „Mann, der mich nach meinem Vater am meisten beeindruckte.“ 1976 widmete Bucerius ihm eine eigene Biografie: Der Adenauer – Subjektive Beobachtungen eines unbequemen Zeitgenossen.
Axel Schuster