Adenauer und ein Braunschweiger Gedenkbuch

Brief von Konrad Adenauer an Oberstadtdirektor Hans-Günther Weber vom 13. Januar 1967

„Ich danke Ihnen sehr für die Zueignung dieses Gedenkbuches für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig und für die freundliche Gesinnung, die Sie mir damit entgegenbringen“,[1] schreibt Konrad Adenauer – auf privatem Briefpapier – am 13. Januar 1967 aus Bonn nach Braunschweig. Oberstadtdirektor Hans-Günther Weber, an den der Brief gerichtet war, hatte Adenauers Sohn Max, ehemaliger Amtskollege in Köln, ein Exemplar der Brunsvicensia Judaica, dem Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945,[2] gesandt mit der Bitte, dieses an seinen Vater weiterzugeben – der er auch umgehend nachkam, gerade einmal 11 Tage liegen zwischen dem Dankschreiben von Max und dem von seinem Vater Konrad Adenauer.

Dem Erscheinen des Buches zum Jahreswechsel 1966/67 war eine jahrelange Recherche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs Braunschweig vorausgegangen. „Eine Erarbeitung eines Gedenkbuches über das Schicksal der Juden […] ist also bei der derzeitigen Quellenlage völlig unmöglich“,[3] hatte Richard Moderhack, Direktor des Stadtarchivs Braunschweig, am 17. April 1962 noch Oberstadtdirektor Weber geantwortet. Dieser hatte angeregt, eine Zusammenstellung über die Namen und Schicksale der zwischen 1933 und 1945 in Braunschweig lebenden Juden anzulegen, veranlasst durch einen Aufruf des Deutschen Städtetages.[4]

„Wir wollten Kontakte aufnehmen und wußten weder wie noch wo“, wird eine Angestellte zitiert.[5] Knapp vier Jahre später korrespondierte das Stadtarchiv mit 150 Juden in der ganzen Welt[6] nahezu 1.100 Briefe waren in Braunschweig eingetroffen. Einige enthielten nur einzelne Namen und Adressen oder Todesdaten, andere hingegen ausführliche Lebensläufe und Schilderungen der Erlebnisse ab 1931 und ganze Listen mit Namen. Das Stadtarchiv erhielt überwiegend positive Reaktionen auf seine Anfrage, nur bei wenigen löste die Post aus Braunschweig und das Ansinnen des Archivs zwiespältige Gefühle aus oder die Angst, damit schmerzhafte Erinnerungen wieder aufzureißen. Die Briefe füllen heute drei dicke Akten im Stadtarchiv, alphabetisch sortiert nach Absendern, die auch den unterschiedlichen Umgang mit den Erlebnissen und Erinnerungen dokumentieren. Am Ende konnten rund 1.100 Schicksale von Braunschweiger Jüdinnen und Juden aufgeklärt werden, davon waren 247 ermordet worden, 52 galten als verschollen.

Die Braunschweiger Publikation war „eine Pioniertat“, wie Max Adenauer schrieb, der andere Städte sicherlich folgen würden.[7] Die Bücher, die viele Städte zur Erinnerung an ihre verfolgten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger seit Anfang der 1960er Jahre veröffentlichten, waren Höhepunkt und zugleich Wendepunkt in der Erinnerungskultur der BRD. Fragen nach persönlicher Schuld oder der von Familienangehörigen fand in der frühen Erinnerungskultur nicht statt, ebenso wenig wie eine Reflexion des eigenen Verhaltens. Dies zeigt sich auch in den Gedenkbüchern. „Ich bin bei meinem Besuch in Israel in der Gedenkstätte Yad Vashem auf derartige Dokumentationen angesprochen worden, denen in Israel große Bedeutung beigemessen wird“, bemerkte Konrad Adenauer in seinem Brief. Damit bezieht er sich auf seinen Besuch im Mai 1966, bei dem er das Ewige Feuer in der Halle der Namen entfachte und damit seine tiefe Anteilnahme demonstrierte und die moralische Verantwortung Deutschlands anerkannte. Bis heute setzt die Konrad-Adenauer-Stiftung Adenauers Erbe der Versöhnung fort, indem sie seit über 30 Jahren in Israel aktiv ist und die Arbeit in Yad Vashem unterstützt. Die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus informiert in ihren Ausstellungen und Veranstaltungen über Adenauers Beziehungen zu Israel und zum Judentum.

Meike Buck

 


[1] Stadtarchiv Braunschweig (StA BS), H III 7: 69.16, Brief von Konrad Adenauer an Oberstadtdirektor Weber vom 13. Januar 1967.

[2] Brunsvicensia Judaica. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933–1945 (Braunschweiger Werkstücke, Band 35), Braunschweig 1966.

[3] StA BS, E 42: 168, Schreiben vom Stadtarchiv Braunschweig an Amt 15 vom 17. April 1962.

[4] StA BS, E 42: 168, Auszug aus der Niederschrift über die Sitzung der Arbeitsgemeinschaft für Verwaltungsfragen der kreisfreien Städte Niedersachsens am 9. Februar 1962 in Hannover.

[5] Leben und Schicksal jüdischer Mitbürger. Stadt gibt im Herbst ein Gedenkbuch heraus, in: Braunschweiger Zeitung vom 4. Februar 1962.

[6] StA BS, E 42: 168, Liste mit Ländern.

[7] StA BS, H III 7: 69.16, Brief von Max Adenauer an Oberstadtdirektor Weber vom 2. Januar 1967.

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