Der Mercedes-Benz 300 W 186 war der erste Dienstwagen von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Das fünf Meter lange, 115 PS starke Fahrzeug mit markanter Kühlermaske begleitete ihn zwischen 1951 und 1956 auf Reisen, die von London über Stockholm bis nach Moskau reichten. Damit war der Wagen, der auch als „Adenauer-Mercedes“ bekannt war, nicht nur ein schnelles Reiseauto, sondern avancierte zum Statussymbol der neu entstandenen Demokratie in der jungen Bundesrepublik.
Die Entscheidung für den Typ 300 fällte Adenauer im April 1951 nach dem Besuch der Automobilmesse in Frankfurt am Main, wo das Modell erstmals vorgestellt wurde. Kurze Zeit später beauftragte das Kanzleramt die Mercedes-Benz AG mit der Fertigung eines Dienstwagens für den Bundeskanzler. Am 8. Dezember 1951 wurde das Fahrzeug mit der Fahrgestellnummer 00013/51 für 20.000 DM ausgeliefert. Der Wagen war exakt auf Adenauers Bedürfnisse zugeschnitten: Zur Sonderausstattung gehörten unter anderem eine mechanische Trennscheibe zwischen Fahrer und Fahrgastraum sowie ein Funktelefon.
Um die Wahl des Modells rankt sich eine vielverbreitete Anekdote: Adenauer, der als notorischer Hutträger bekannt war, habe sich bei einer Probefahrt in einem BMW den Hut vom Kopf gestoßen und sich deshalb gegen die Konkurrenz entschieden. Sein langjähriger Cheffahrer Willy Klockner dementierte dies jedoch: Eine solche Probefahrt habe es nie gegeben. Tatsächlich scheint sich Adenauer nie ernsthaft mit einem Wagen von BMW oder Opel befasst zu haben, die ebenfalls auf der Automobilmesse vertreten waren. Warum die Wahl des Bundeskanzlers letztendlich auf diesen Mercedes-Benz fiel, bleibt ungeklärt. Fest steht jedoch, dass er sich mit dem Typ 300 für das luxuriöseste, schnellste und größte Serienauto der deutschen Nachkriegsproduktion als seinen repräsentativen Dienstwagen entschied.
Auch in der Protokoll-Hierarchie setzte Adenauer eigene Akzente. Normalerweise hätte ihm das Kennzeichen 0 – 003 zugestanden, da er im Rang hinter dem Bundespräsidenten (0 – 001) und dem Bundestagspräsidenten stand. Doch der Kanzler „mogelte“ sich einen Platz nach oben und beanspruchte die 0 – 002. Seitdem führten die Dienstwagen aller deutschen Kanzler diese Nummer, bis man später aus Sicherheitsgründen auf zivile Kennzeichen umstellte.
Ab 1951 gehörte die tägliche Fahrt von Rhöndorf ins Bonner Palais Schaumburg zur Routine. Der Wagen begleitete Adenauer aber auch zu internationalen Terminen wie der Neun-Mächte-Konferenz 1954 in London. Ein historischer Höhepunkt war die Moskau-Reise im September 1955. Während Adenauer flog, wurde sein Mercedes im „Diplomaten-Sonderzug“ in die Sowjetunion transportiert. Gewohnheit, Sicherheit und der Wunsch nach gewohnter Repräsentation gaben hier den Ausschlag. Ergebnis der Reise war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern.
Nachdem Adenauer 1956 auf das Nachfolgemodell, den verlängerten Typ 300c, umstieg, blieb der erste Mercedes bis 1959 im Dienst der Bonner Fahrbereitschaft. Schließlich wurde er für 1.475 DM an einen Ministerialbeamten verkauft, dessen Familie ihn zwölf Jahre lang nutzte. Über einen Sammler gelangte der Wagen später in die USA. 1986 glückte dem neugegründeten Haus der Geschichte das Auffinden des historischen Fahrzeugs bei einem Autohändler in den USA. Nach erfolgreichen Verhandlungen kehrte der erste Kanzler-Dienstwagen 1993 nach Bonn zurück, wo er seitdem als ein Herzstück der Dauerausstellung an die Ära Adenauer erinnert.
Lukas de Carvalho